Zeit ist etwas Lustiges. Einerseits verfliegt sie geradezu. Ich kann nicht glauben, dass bereits der Frühling an die Türe klopft. Ach was sage ich, tritt! Mit fetten Militaryboots, damit ihn auch ja niemand überhört. Gut, laut meiner miesepetrigen Wetter-App, mit der ich seit November auf Kriegsfuss stehe, erkämpft sich der Winter seinen Platz nächste Woche wieder zurück und mir ist, als hätte ich eben einen Tropfen gespürt. Es war ein kurzes Glück, der Besuch meiner Muse, der Sonne.
Aber da ich oben irgendwo „einerseits“ geschrieben habe, gibt es Hoffnung in Form des andererseits. Denn andererseits passiert immer so wahnsinnig viel, dass mir mein Leben wie im Zeitlupentempo vorkommt. Meinen Blog betreibe ich nun seit etwas mehr als einem Jahr und seither ist so viel geschehen, das passt gar nicht alles in mickrige 365 Tage (geschweige denn in einen Blog)!
Und auch seit meinem letzten Eintrag hat sich einiges getan. Zu zahlreich waren meine Erlebnisse und Begebnisse, um alle detailliert niederzuschreiben, darum gibt’s die zensierte Kurzversion. Erst einmal muss ich berichten, dass ich dem Alkohol abgeschworen habe. Also gewissermassen. Denn zwar bin ich ganze drei Mal mit beschwipster Birne aus dem Haus gesaust – und einmal davon prompt in einen Fasnachtsumzug gerasselt, was beinahe einen verletzten Paukenspieler ergeben hätte –, doch kaum war ich in meiner angezielten Location angekommen und hatte mir ein bisschen die Kälte vom Leib getanzt, senkte sich der Pegel und zurück blieb mein natürlicher Rausch, den ich verspüre, sobald die Musik laut und einigermassen anständig ist.
Gut waren sie trotzdem, die Abende, auch wenn ich dabei auf Geister der Vergangenheit traf, die sich hoffentlich wenigstens aus meiner Zukunft raushalten. Falls nicht, müssen sie halt damit rechnen, in unschmeichelhafter Weise in meinem Blog aufzutauchen. Und Kinder! Kinder hatte es überall, zu Hauf. Ich bin zwar leidenschaftliche Babysitterin, aber im Ausgang muss ich den Rackern nicht auch noch begegnen. Scheinbar operieren die Türsteher heutzutage nach dem Willkürprinzip. Oder wie sonst lässt es sich erklären, dass ich neulich nach dem Ausweis gefragt wurde (hat mich natürlich trotz allem sehr gefreut), drinnen dann aber auf lauter Fünfzehnjährige traf!
In den Wechseljahren bin ich auch noch, zumindest meinen akuten Hitzewallungen nach zu urteilen. Von einer Sekunde auf die andere breche ich in Schweiss aus und kriege das dringende Bedürfnis mir augenblicklich die Klamotten vom Leib zu reissen. Ist meistens gut gegangen, da ich die Hitzeschübe bis vor kurzem nur zuhause bekam. Dann aber passierte es im Kreisbüro. Ausnahmsweise sass keine der alten Dämchen hinter dem Schalter, sondern ein junger Typ, der nicht sonderlich gut aussah, aber halt eben jung war und darum meine rote Birne und den flachen Atem als Zeichen dafür deutete, dass er mich nervös mache.
War natürlich nicht so, das weiss der aber nicht. Ist mir auch herzlich Wurst, so hatte er nach Feierabend wenigstens etwas zu prahlen. Und ich kann mich Hitzewallungen sei Dank darauf freuen, in den bevorstehenden eisigen Tagen wenigstens ein paar heisse Sekunden zu verspüren.
Denke ich an gestern, sehe ich einen Strudel aus Schneegestöber, fremder Gesichter und Lichtern vor mir. Etwa so, wie wenn man mit müden Augen durch das nächtliche New York im Winter düst. Das verrückte dabei: Ich habe keinen Alkohol getrunken. Naja, je ein Glas Whiskey und Vodka lagen drin. Aber sonst, nada! Anscheinend hilft auch Abstinenz meinem Erinnerungsvermögen nicht. Ich versuche trotzdem, den Abend nachzuzeichnen.
Es fing schon mal denkbar schlecht an mit nicht-abgelaufenen, aber trotzdem verdorbenen Tortellini, die mir dermassen auf den Magen schlugen, dass ich erst alles abblasen wollte. Allerdings hatte ich mich so darauf gefreut, dass mir Bettruhe anstatt Party unerträglich vorkam. Darum ging ich mit mir selber einen zugegebenermassen im Kontext unnützen Kompromiss ein: Anstatt in meine Standard Montur bestehend aus einem Kleid, Marke kurz und knapp, schlüpfte ich in hautenge, schwarze Röhrenlederhosen. Rockstarschick statt Sommerfeeling. Machte eigentlich Sinn bei den aktuellen Temperaturen. Nur: Wenn ich hauteng schreibe, meine ich hauteng – und dann noch ein bisschen enger. Nicht mal sitzen konnte ich darin, weil Leder ja so furchtbar unbeugsam ist.
Machte nix, ich wollte ja sowieso tanzen. Am ersten Ort gab’s gratis Cüpli und weil die Kasse streikte auch gratis Vodka für mich. Ich beliess es jedoch bei einem einzigen, effektlosen Glas; stattdessen becherte meine Begleitung brav meinen verschmähten Alkohol, zusätzlich zu ihrer eigenen üblichen Ration. So was geht natürlich nie gut und so verpassten wir es glatt, den Bachelor ins Bockshorn zu jagen, weil wir kurzerhand die Location gewechselt hatten, nachdem uns die anwesenden Klappergestelle auf die Nerven gegangen waren, die sich gegenseitig vorgejammert hatten, wie unsäglich fett sie waren.
Viel zu früh standen wir im komplett leeren weil eben erst geöffneten Club, ärgerten uns ab intoleranten Garderobenmitarbeitern und freuten uns dafür umso mehr, dass der DJ für ein paar Minuten nur für uns spielte und wir getrost über den Dancefloor wirbeln konnten, ohne Gefahr zu laufen, mit einer ungelenken Bewegung jemanden einen Schneidezahn rauszuhauen.
Später füllte es sich, aber wir mussten schon wieder weiter, raus in die Kälte und rein in die wohlig warme Höhle. Zuerst brachten wir jedoch den Türsteher bis kurz vor den Nervenzusammenbruch, weil wir sämtliche Namen in seine Richtung riefen ausser unseren eigenen, welche sich notabene als einzige auf der Liste befanden. Ausnahmsweise war die Musik ziemlich gut, was ich von dem Schuppen nach den vielen frustrierenden Erlebnissen wirklich nicht mehr erwartet hätte, und schon gar nicht, dass ich das sogar nüchtern so empfinden würde. Jedenfalls tanzte ich wie im Vollrausch, was mit dem Leder um meine Beine nicht so einfach war, und machte mich eine Stunde später bereit, erneut die Location zu wechseln, aber leider waren einige, naja, sagen wir mal geistig weggetreten. Also musste ich den Hauptgrund, warum ich trotz Übelkeit überhaupt rausging, streichen, und dafür sorgen, dass alle nach Hause und ins Bett fanden. So bin ich halt. Wenn ich nicht selber in der Scheisse stecke, ziehe ich die anderen raus.
Es ist Mittwoch. Unzählige beschwipste Wochenenden, einige versoffenen Donnerstage und zwei, drei skandalöse Dienstage sind vergangen, seit ich das letzte Mal etwas auf meinen geliebten Tumbler gepostet habe. Scusi, sorry, désolé – aber wie ihr sieht, war ich beschäftigt damit, diverse Fremdsprachen aufzufrischen. Ach, wenn’s nur so wäre! Mein Spanisch ist dahin, Französisch konnte ich eh nie und Italienisch bring ich nur noch hin, wenn meine Stimmbänder betrunken sind. Was mich zu letztem Wochenende bringt.
Samstag. Aspirin. Vodka. Noch ein Aspirin. Noch ein paar Vodkas. Angebrochene Flasche Gin im Kühlschrank entdeckt. Nicht gut. Karussellfahrt im eigenen Wohnzimmer. An die Langstrasse geschleppt worden. In Zeitnot geraten. Hastig angestossen und runtergekippt. Küsschen, tschüsschen und hallihallo.
Nachdem ich fiese Gerüchte über spätere Öffnungszeiten und die scheinbar längste Schlange der Welt überwunden hatte, angelte ich mir beim Anstehen an der Garderobe einen Job und dachte, der Abend könne nicht mehr besser werden. Wurde er auch nicht. Alkohol kämpfte gegen Aspirin, mein Körper gegen die Hitzewallungen und mein Tanztrieb gegen den Rest der Welt.
Nicht nur für mich endete die Nacht katastrophal bis hin zu unfreiwillig selbstzerstörerisch, denn auch wenn andere klug genug waren, nicht als letzte zu gehen, so hinterliessen sie dafür Kleidungsstücke und schändeten unschuldige Pflanzen. Im Aspirinrausch befand ich es für vernünftig, halbnackt bei Minustemperaturen die Lungenentzündung herauszufordern. Trotz inniger Bemühungen klappte es nicht, meine Lunge war am nächsten Morgen topfit, was man vom Rest meines Körpers nicht behaupten konnte.
Nie wieder, schwur ich mir. Nie wieder Aspirin! Nie wieder Kühlschrankgin! Nie wieder Party! Ab jetzt würde ich zuhause bleiben, Lungen und Nerven schonen und ein grossmütterliches Dasein fristen. Das war am Sonntag. Nun ist es Mittwoch, es zuckt mir in den Beinen und rasselt in der Lunge. Sieht so aus, als müsste ich spätestens morgen sämtliche meiner Vorsätze brechen. Aber hey, das gehört zu meinem Job. Nur wer lebt, kann schreiben.
Ich weiss, ich weiss, ich schulde euch ein paar Weekend Stories, oder wenigstens ein Lebenszeichen von mir. Nun, das Lebenszeichen kriegt ihr hiermit; wegen den Weekend Stories müsst ihr euch noch ein bisschen gedulden. Diese – zumindest diejenige vom letzten – erscheinen nämlich neu im Tagesanzeiger. Ich bin somit hochinoffizielle Clubtesterin des Tagis. Traumjob? Yes Sir!
Wenn mein Blog nach dem Wochenende also wieder einmal leer steht, einfach schnell die Zeitung aufklappen und da steht dann dasselbe Einerlei, einfach in Print. Auch sonst hat sich viel getan in beruflicher Hinsicht. Auf einmal kam Angebot um Angebot hereingeschwemmt. Zusätzlich floss ausgerechnet zur gleichen Zeit die Inspiration zurück in meine leeren, ausgetrockneten Venen.
Und wenn ich erst einmal eine Idee habe, gibt es kein Halten mehr. Tag und Nacht (wortwörtlich gemeint) sass ich an meinem Werk und schrieb auf Teufel komm raus. Tschüss Sozialleben, Ade Partys, bis später meine lieben Freunde. Da ich bereits über achtzig Stunden die Woche arbeitete und weder Körper noch Geist auch nur eine Sekunde mehr mitgemacht hätten, musste ich fast all die tollen Angebote absagen. Still blutet nun mein Herz, mein Ehrgeiz weint, aber es ist schon richtig so. Das Leben hält noch viel mehr für mich bereit.
Da ich nach diesem wahnsinnigen Schaffensmarathon dringend eine Auszeit brauchte, nahm ich mir spontan einen Tag frei. Eigentlich wollte ich nur meinen Zahnarzt anrufen und nach einem spontanen Termin fragen (ja, so verbringe ich meine Freizeit) und danach eventuell noch zum Sport. Termine beim Bohrprofi gab es keine mehr und der Sport fiel durch mangelnde Motivation ins Wasser. Stattdessen machte ich einen Abstecher in den gefährlichen Teil Zürichs: die Bahnhofstrasse. Gefährlich vor allem für mein Portemonnaie. Und weil ich nun zum ersten Mal in meinem Leben einen mehr als anständigen Lohn verdiene, sass es besonders locker.
Ich will nicht verraten, wie viel ich für meine neuen Schuhe bezahlt habe, aber ich habe noch nie so viel Geld für ein paar Treter ausgegeben. Und dann sind es ausgerechnet Turnschuhe! Wer hätte gedacht, dass der Tag je kommen würde, an welchem ich mir freiwillig Turnschuhe zulege, auf denen nicht Allstars steht oder die nicht gleich in meiner Sporttasche verstaut werden. Aber diese Schuhe musste ich einfach haben! Sie sehen nämlich nicht aus wie normale Sneakers. Viel eher haben sie einen futuristischen Touch mit einem Hauch Punk. Ein bisschen wie wenn ein Punker einem Basketballer in den Arsch getreten hätte. Nieten und so.
Und ja, ich habe natürlich schon Spannenderes zu erzählen als von meinem letzten Einkauf. Das, meine Lieben, gehört jedoch nicht in diesen Blog. Doch nicht verzagen: Es kommen wieder bessere Zeiten. Ihr müsst nur fest genug daran glauben.
Das erste Wiedersehen nach fünf Jahren wäre erst beinahe am Geld gescheitert, dann zeitlich und zuletzt wegen meiner eigenen Dummheit. Zwei Stunden Zugfahren mit einmal Umsteigen, das sollte doch möglich sein für jemanden, der schon alleine um die halbe Welt gereist ist. Ist es leider doch nicht ganz, wie es scheint. Truman Capote sei Dank bemerkte ich erst an der Endhaltestelle, dass ich mich weitere zwei Stunden von meinem Ziel entfernt hatte. Glücklicherweise erwischte ich die letzte richtige Verbindung und traf zwar mit Verspätung und einem schlechten Gewissen, aber dennoch erfolgreich, ein.
Wenn man erst mal spät dran ist, zieht sich das immer weiter. So gingen wir zwei Stunden zu spät ins Bett, standen zweieinhalb Stunden zu spät auf, assen zwei Stunden zu spät, erkundigten die Ortschaft zwei Stunden zu spät und ich reiste zwei Stunden zu spät ab. Zurück in Zürich blieben mir magere Minuten, um die Reisetasche gegen eine Abendclutch auszutauschen, die angebrochene Wasserflasche auszuleeren und mit Vodka aufzufüllen und im Pferdegalopp zur herbeigesehnten Vernissage zu springen.
Die Samstage ohne Gewissheit sind mir die liebsten. Einerseits weiss man zwar nie so recht, welche Kleidung angemessen wäre, doch andererseits befinden sich das Wort „angemessen“ und ich sowieso in verschiedenen Sphären. Der Abend: weit offen. Die Motivation: hoch. Komplizen: negativ. Mit diesen Voraussetzungen entschied ich mich gegen einen ersten Besuch in fremden Räumlichkeiten und für eine Pop-up-Party in meiner Hood.
Seltsamerweise war die WC-Schlange länger als diejenige vor dem Eingang und ich verfluchte mich, dass ich wieder nicht dort gelandet war, wo es geplant gewesen war, schrieb entschuldigende Nachrichten und überlegte mir, ob ein Songwunsch beim DJ mit Clubverbot quittiert werden würde.
Gerade als wir gehen wollten, entdeckten wir den zweiten Raum, in dem die eigentliche Party stattfand, darum blieb ich wie so oft viel zu lange, quatschte mit Hinz und Kunz, wobei mir ein paar Buchstaben mehr lieber gewesen wären, und weigerte mich heimzukehren, als der erste Schnee fiel. Irgendwann waren alle weg, nur ich war noch da, bestellte Hot Dogs ohne Wurst, Vodka ohne Alkohol, und beweinte die Ermordung des Kuchens.
Mit dem Herzen denkend und mit dem Hirn sehend zerbrach ich am Ende doch nicht an den weissen Flocken, sondern an der Tatsache, dass man nicht aufbrechen soll, wenn man einen Grund zum Bleiben hat. Es war zu spät, die Erleuchtung durch schlechte Musik vertrieben, die Muse eingeschlafen. Auch ich schlief. Und wartete geduldig. Noch immer bin ich am Warten bis es zurückkommt, das beste aller Gefühle. Inspiration.
Einmal ist keinmal und zweimal ist fast einmal zu viel. Eben, fast. Denn mit dem nötigen Willen steht dir die ganze Welt offen. Nur sehen meine Adern das anders, denn in ihnen fliesst der Alkohol von gestern und ein kleiner Rest vom Freitag unaufhörlich weiter, bis ich es sogar in den Fingerspitzen spüre.
Nach einer nervenaufreibenden Woche – im positiven wie im negativen Sinne, aber eigentlich ist ein bisschen Nervenflattern immer positiv anzuschauen – konnte ich den Freitag nicht spurlos an mir vorbeigehen lassen. Ich ging also in ein Gangster-Loch, in dem Minderjährige ausnahmsweise zu Electro tanzten oder House oder Minimal oder andere Musik mit irgendeinem neumodischen Namen, die aber eigentlich der gleiche Shit ist, der uns damals bis um acht Uhr morgens im Q verweilen liess. Ein fucking genialer Shit, wohlgemerkt.
Leider muss man hier aber früh ins Bett, denn um halb fünf war bereits Sense. Fertig lustig, nur noch belangloses Bumm Bumm Bumm aus der Stereoanlage. Dir bleibt der Samstag, tröstete ich mich selber. Zumindest der Abend. Denn der Tag war wie immer im Arsch, obwohl ich gegen Mittag aus dem Bett kroch, um wenn schon nichts Anständiges zu unternehmen, wenigstens das Gemüt von ein klein wenig Tageslicht erwärmen zu lassen. Wie ein Zombie traf ich beim vereinbarten Kaffeeklatsch ein, kämpfte gleichzeitig gegen Müdigkeit und Übelkeit und gerade als ich mich wieder wie ein normaler Mensch fühlte, ging’s von vorne los.
Trinken, lachen, zeitvergessen, überstürzt aufbrechen, anstehen, reingehen, tanzen, trinken, tanzen, verirren, alle verlieren, wiederfinden, Location wechseln, in Sommerkleidung durch den Winter spazieren, zurück zum Ursprung gehen, nicht mehr trinken, nur noch tanzen, das Bett herbeisehnen, sich verabschieden, in ein Taxi hüpfen, losfahren.
Unterwegs meldete sich meine Energie zurück und zwar genau dann, als mein nächtlicher Chauffeur und ich die lange Schlange vor meinem verhassten Lieblingsclub bemerkten. „Stop!“ rief ich, aber er hielt nicht an. Wahrscheinlich weil ich nur in Gedanken gesprochen hatte. Es war wohl besser so. Denn als ich den smogdurchzogenen Sternenhimmel betrachtete und Joan Osborne aus dem Radio zu mir sprach, fragte ich mich parallel zu ihrer Liedzeile: What if God was one of us? Was würde er tun? Heimgehen? Schlafen? Umkehren? Jesus auf ein paar Kurze treffen? Verkorkste Rauschphilosophie. Bevor ich mir selber eine zufriedenstellende Antwort geben konnte, war ich daheim, das Thema erledigt und ich ebenso. Bleibt nur noch eines zu sagen an einem Sonntag, um 13.50 Uhr: Good night and good luck!
Eigentlich sollten es ja Familienferien werden. Erholsam, mit viel Kultur, Rumlaufen, Fotos schiessen und so. Aber insgeheim war uns wohl allen klar, dass es nicht ganz so kommen würde. Denn anstatt wie der Rest der Familie am ersten Abend bereits ohne Probleme den Jetlag zu umgehen und sich im neuen Ortsrhythmus einzufinden, lag ich bis um acht Uhr morgens wach, lauschte den tropischen Vögeln vor meinem Fenster und machte pünktlich zum Sonnenaufgang die Augen zu.
Natürlich hatte ich es mit Schlaftabletten versucht. Diese hatten nur leider keine Wirkung gezeigt. Als ich noch eine hatte nehmen wollen, konsultierte ich erst Google, um sicherzugehen, dass ich danach überhaupt noch aufwachen würde, aber alles was ich fand, waren Artikel darüber, dass man durch die Pillen ein paar Jahre seines Lebens verliere. Nein danke, dann lieber auf ewig wach.
Nach ein paar Sekündchen wohlverdienten Schlafes wurde ich zur City-Tour geweckt, welche ich sogar tapfer mitmachte, in der Hoffnung am Abend vor lauter Müdigkeit auf munteres hin und her wälzen verzichten zu können. Daraus wurde wieder nichts. Also zog ich meine Chucks an und lief durch die schwüle Nacht. Und siehe da: Die Stadt entwickelt seinen vollen Charme erst zu später Stunde.
Von da an war es Essig mit den guten Vorsätzen. Während sich meine Eltern tagsüber durch den Jungle kämpften, interessante Ausstellungen besuchten und auch sonst kulturell wichtige Dinge unternahmen, stand ich erst gegen Nachmittag auf, ass ein gemütliches Frühstück auf der Terrasse, hüpfte in den Pool und ging kurz vor dem Abendessen, was für mich einem zweiten Frühstück gleichkam, raus.
Nach der Party ist vor der Party – wahre Worte in Singapur. Hier ist jeder Tag Wochenende, ideal also, wenn man erst um zwei Uhr in der Früh richtig wach wird. Einen konkreten Plan hatten wir nie, als wir durch die grauen Nächte schwirrten. Aber das sind doch immer die besten Abende: Die spontanen, bei denen man nicht weiss, ob man in einem Raverkeller oder einem Edelclub landen wird. Nun, wir wählten meistens das Mittelmass. Nette Locations vollgepackt mit Ex-Pats und mit Live-Bands, welche die DJs in den Pausen ablösten. Auf Deadmaus folgte Bon Jovi folgte Swedish House Mafia folgten Kings of Leon. Mehr als einmal hatte ich vor lauter freudigem Mitgrölen anderntags keine Stimme mehr, aber jedes Mal, als mich meine müden Beine zur Heimkehrt zwingen wollten, wurde ein noch besserer Song gespielt und nach diesem ein noch besserer, so dass Aufhören unmöglich war.
Endlich zuhause musste ich erst auf dem Balkon ausspannen und etwas runterkommen, damit das mit dem Schlaf nicht ganz flöten ging. Schliesslich brauchte ich Kraft für die nächste Nacht. Natürlich ist es schade, dass ich es jeweils erst knapp vor Sonnenuntergang aus dem Apartment schaffte. Aber erzwingen kann und soll man eh nichts. Ausserdem wurde mir gesagt, Singapur sei ziemlich öde. Das mag stimmen – wenn man es denn den Tag über erkundet. Bei Nacht allerdings bietet es alles, was ich brauche: Warme Luft, die knappe Kleider ohne Jacken erlaubt, Musik, fröhliche Leute, Lichter und das Gefühl von verantwortungsloser Freiheit. But as it always is, all good things come to an end. And then the even better things start. Just wait and you’ll see.
Nach dreiwöchiger(!) Pause war es so weit: Endlich wieder Tanzen, endlich wieder Trinken, sich keine Blösse geben, Vergessen und gleichzeitig die besten Erinnerungen daraus ziehen. Wie ich sie liebe, diese kaputten Nächte. Es machte mir sogar nichts aus, dass ich mich erst durch ein Labyrinth von Menschen, Filmen, Türen, Gängen und herrenlosen Jacken kämpfen musste, um da reinzukommen, wo ich normalerweise lieber rauslief und dass dann ausgerechnet noch Latino Sound lief. Aber machte nix. Denn auch wenn ich, wie bekannt sein dürfte, ein Elektro Groupie bin, heisst das nicht, dass ich bei Reggeaton und Co. nicht zu einer zweiten Shakira mutiere. Ist doch alles immer eine Einstellungssache. Und meine Einstellung ist nun mal: Tanzen ist besser als nicht tanzen. Und Tanzen mit meinen Liebsten sowieso.
Nach einem weiteren Höflichkeitsshot (man will ja den Alkohol nicht mit nicht-trinken vor den Kopf stossen) borgte ich mir den Besten von der Besten aus und quetschte ihn über Nietzsche aus. Wenn sonst niemand mit mir über Chaos und das Gute im Bösen philosophieren mag, musste ich die Gelegenheit halt beim Schopf packen. Zwischen Dancebattles debattierten wir über Kriege und die Erfüllung der Seele durch die angeborene künstlerische Fähigkeit, welche gleichzeitig eine wertvolle Narrenfreiheit mit sich bringt. Wertvoll vor allem für mich, denn wie sonst sollte ich meine diversen Handlungen erklären. So aber muss ich nichts erklären, sondern kann einfach machen. Das sah mein Gewissen anders, das durch eine Freundin zu mir sprach. “Willst du dich eigentlich umbringen?” schrie sie mich an, als ich mir ein weiteres Mal die Lunge raushustete, dabei fiebrig nach meinem Glas griff, alles in einem Mal runterkippte, aufhüpfte und weiter feiern ging. Umbringen? Mitnichten! Aber nicht aufhalten lassen. Die Unsterblichkeit ist das Ziel. Wenn ich dafür erst mal sterben muss, dann sei es so. Denn tot sind wir noch lange nicht.
Fast zur gleichen Zeit rief mich der kleine Teufel auf meiner Schulter an und beförderte den Engel endgültig ins Jenseits. “Hör auf, vernünftig sein zu wollen! Seriös kannst und wirst du auch noch in zwanzig Jahren sein.” Ich nickte, aber das konnte man am Telefon ja nicht sehen. “Versprichst du das?” hakte er nach. Musste ich dann wohl. Wird schon seine Richtigkeit haben. Und total unvernünftig tanzte ich weiter mit Che Guevara, der netterweise meine Jacke hielt. Ich hätte ihm gerne auch noch meine Hosen gegeben, aber das wäre dann doch ein Tick zu manisch gewesen. Sogar für mich. Dabei drohte ich vor lauter Hitze gleich einen Kreislaufkollaps zu kriegen. Gibt schon seinen Grund, warum ich immer so wenig anhabe im Ausgang: Weil ich sonst schwitze wie ein Schwein.
Irgendwann lag ich in dem Bett, aus dem ich zuvor gekrochen war, in einem Hotel neben Baukrähnen und Zuhältern. Irgendwie schaffte ich es, die Türe offen zu lassen, was einiger meiner Zimmernachbarn einen freudigen Morgen beschert haben dürfte. Einerseits im Elend, andererseits noch immer aufgedreht und höchstwahrscheinlich auch betrunken kroch ich so weit mich meine Gliedmassen trugen, packte mein Gewissen ins Handgepäck und freute mich darauf, gemeinsam mit diesen unter Palmen und Dunstnebel neue Verhandlungen aufzuarbeiten. Ist natürlich ein bisschen wirr. Weil nicht jeder das verstehen muss. Nur ich. Und so lange nicht mal ich das tue, ist alles in Ordnung. Nein, besser noch: Fan-fucking-tastic! Auf eine bittersüssen, melanchonischen Art. Wie mein Leben, wenn ich es nicht gerade euphorisch in tausend Stücke reisse oder panisch platt stampfe.
Die Apokalypse ist zwar nicht eingetreten, mein eigener kleiner Weltuntergang habe ich trotzdem erleben müssen: Mein Laptop ist hinüber. Klingt jetzt erst mal nicht so tragisch, aber wenn man ohne PC beruflich und auch ein Stück weit privat gelähmt ist, kann es schnell passieren, dass man vor lauter Wut das kaputte Gerät anflucht und hinterher dem Support Service sein Leiden ins Telefon heult.
Ist natürlich blöd, den letzten Arbeitstag mit dem erfolglosen Versuch, mein elektronisches Baby zu retten, verschwendet zu haben. Noch blöder aber, wenn ich ohne den Rechner in die Ferien muss. Denn: Um den Jetlag zu umgehen, werde ich versuchen vierundzwanzig Stunden wach zu bleiben, mit dem Ziel bei der abendlichen Ankunft übermüdet ins Bett zu fallen und mich so dem neuen Rhythmus anzupassen.
Die Frage ist nur, was soll ich vierundzwanzig Stunden lang machen, während alle anderen auf ihren Sitzen dösen? Die Schreibmaschine ins Flugzeug mitnehmen? Das hätte zwar Style, ist dann aber doch zu umständlich. Filme und dumme Serien schauen, I guess. Dabei hätte ich so viel zu tun. Wie immer. Darum ist es vielleicht besser, ist die Kiste abgekratzt. So kann ich wenigstens mal richtig Ferien machen und dem Trubel entkommen, der mir in Zürich kaum Zeit zum Verschnaufen gegeben hat.
Nicht, dass meine Ferien erholsam werden. Schliesslich will ich was erleben, viel vom Land und den Leuten sehen. Zwar klingt faules Rumliegen am Strand sehr verlockend, aber da ich ausgerechnet in der Regensaison reise, wird daraus sowieso nichts. Stattdessen gibt’s Kultur, Natur, Konsum und viele Überraschungen, da ich nicht an Reiseführer glaube.
Da ist es mir sogar Wurst, dass Kaugummis, von denen ich pro Tag etwa ein halbes Pack zerkaue, unter Strafe stehen. Hoffen wir nur, dass mein Kiefer in der Zwischenzeit nicht verweichlicht. Sonst mach ich hinterher einfach eine radikale Stimorol Kur.
In dem Sinne wünsche ich euch bitterkalte, verschneite Weihnachten und viel Glatteis, damit es sich besser ins neue Jahr rutschen lässt. Ich werde daran denken, wenn ich unter der tropischen Schwüle schwitze wie eine Weihnachtsgans im Backofen und mich bei der Heimreise am Flughafen am Security Guard festklammere, weil ich mich einmal mehr in eine Stadt verliebt habe und mich das verlassen meiner neuen Liaison bitter schmerzt. Aber das sind alles Spekulationen. Denn es kommt eh immer anders. Oh so happy!
Ja super. Da nehm ich mir vor, diesen Winter nicht zum Stubenhocker und Siebenschläfer zu mutieren, der jeweils nur am Abend erwacht, um den Kältefrust in Alkohol zu ersäufen und mit elektronischen Klängen platt zu walzen. Eine Stadttour wollte ich machen. Einer Ortsfremden meine Heimat zeigen. Durch Wiedikon flanieren, in Hottingen herumschlendern, das Seefeld erkunden, von Oberstrass nach Unterstrass spazieren. Eisige Temperaturen hätten mich nicht aufhalten können, denn ich hatte mich bereits mental auf sie eingestimmt und damit abgefunden.
Aber der Regen, dieser drecksverdammte Regen. Gut, gegen Regen gibt es Schirme. Und Boots. Burberry. Oder Armyboots. Aber auch die grössten Schirme nützen nix, wenn der Wind den Regen gegen die Beine peitscht. Also kein Wiedikon, kein Hottingen, kein Seefeld, nur ein kleines Café in Wipkingen. Und Schokolade mit Kaffee beziehungsweise Kaffee mit Schokolade. Umgeben von rüstigen Rentnern und verliebten Pärchen vergassen wir die Tour durch Zürich und unternahmen stattdessen eine Tour durch unser Seelenleben und hofften inständig auf den baldigen Frühling.
Rumhocken statt rumlatschen passt mir eigentlich nicht. Wäre aber okay gewesen, hätte ich hinterher wenigstens rumkurven können, auf Schlittschuhen, zu Discomusik, auf der beleuchteten Eisbahn unter Sternen. Aber Schlittschuhlaufen, während Gott sich eine Dusche gönnt, ist doof. Ausserdem vertragen sich Angora und Regen schlecht. Und einen Schirm hätte ich auch nicht halten können, da ich Antitalent beide Hände gebraucht hätte, um mich an einem armen Opfer festkrallen zu können zwecks Umfallverhinderung.
Dank des miesen Wetters waren dann auch alle krank oder in eine Depression verfallen, so dass mich niemand begleiten wollte, als ich vorschlug, dem netten Stefan von Dada Life einen Besuch abzustatten. Was also tun? Zuhause bleiben an einem Samstag, wo ich doch schon am Freitag auf Ausgang verzichtet hatte, und am Donnerstag noch dazu? Dann doch lieber kurzerhand nach St. Moritz! Leider liegt der Skiort nicht gerade um die Ecke und bietet sich deshalb nicht für eine spontane Stadtflucht an. Der letzte Zug fuhr noch ehe ich zu Ende gegessen hatte und damit starb auch meine letzte Hoffnung auf ein bisschen Kopfschmerzen am Sonntag. Immerhin schaffe ich es so vielleicht für einmal am Montag rechtzeitig aufzustehen.