Was gibt es besseres, als die Woche mit Glühwein anzufangen? Sie mit Schnaps zu beginnen! Wein trinke ich nicht, nicht einmal wenn er glüht. Schnaps hingegen geht immer. So wird der banale Tee zu einem Gaumenschmaus und der glitzernde Swarovskibaum zu einem Symbol verlorener Kinderträume.
Wichtiger als der Alkohol war aber die Gesellschaft, in der ich mich befand. Schon verrückt, wie die Kleinen plötzlich gross geworden waren, wie aus Hosenscheissern Superhelden geworden waren und aus naiven Teens naive Twens. Und noch verrückter, dass wir immer noch zusammenfinden, jetzt, wo wir „erwachsen“ sind, jeder in eine andere Richtung abgedriftet ist und wir alle eigentlich Besseres zu tun hätten. Aber das scheint nur so. Denn etwas Besseres, also Wichtigeres, gibt es nicht. Soll es zumindest nicht. Und ich werde dafür sorgen, dass wir uns wiedersehen. Immer und immer und immer wieder. Selbst wenn wir alt sind und verheiratet und unsere Kinder längst ausgezogen sind. Selbst wenn die erste stirbt, werden wir anderen (was sage ich wir, wahrscheinlich erwischt es mich als erstes) trauernd am Grabe stehen.
Aber noch gibt es keinen Grund, makaber zu werden. Zumal erst Dienstag ist. Dafür hat mich diese Woche bereits ganz schön geschafft. Ich sage ja gerne, dass es nichts Schrecklicheres gibt, als Langeweile. Das stimmt zwar – wenn man jedoch konstant dafür sorgt, dass keine einzige Sekunde unausgefüllt vorübergeht, strengt das an. Da ich nach dreizehn Stunden nonstop Arbeit und Freizeitvergnügen eine Pause für sinnvoll erachtet hätte, zögerte ich bei der Einladung zu einem Konzert. Jedoch nur kurz, denn ich wusste, sobald ich eine halbe Stunde lang ausgespannt hatte, war es vorbei mit meiner Erholung. Dann würde mein Hirn anfangen zu rebellieren. Und meinen armen Körper quälen, bis dieser sich aufraffen und ein neues Projekt starten würde.
Darum sagte ich zu. Meine Gliedmassen seufzten mit den Organen um die Wette. Die Krankheitsviren von letzter Woche, die ich noch nicht alle umzubringen vermocht habe, freuten sich: Wenig Schlaf und viel Anstrengung wurde ihnen leichtes Spiel verschaffen. Neben den Fremdkörpern fühlte sich nur mein Herz berauscht. Music and company. Sollte ich mit dreissig bereits das erste Burnout haben und meinem jetzigen Ich die Schuld dafür in die Schuhe schieben, lasse ich einfach MGMT für mich sprechen: And I told you it was love, but you don’t wanna know the truth. I was young and in my prime, with my heart still filled with fear. And it goes on bleeding.
Über den mir sonst so verhassten Schnee habe ich mich diesmal ehrlich gefreut. Etwa fünf Sekunden lang. Dann lag ich am Boden. Merci, Glatteis, du mich auch! Natürlich fuhr der Bus nicht, das Tram nur mit massiv Verspätung, womit ich den Zug verpasste, der wiederum (der nächste dann) selber Verspätung hatte. Ich konnte dem Anschlusszug nur noch traurig hinterherwinken und zwanzig Minuten in der Kälte warten. Wo zur Hölle ich überhaupt mit all den öffentlichen Verkehrsmitteln hinging? Naja, zumindest nicht dahin, also in die Hölle, ausser diese wäre plötzlich zugefroren.
Man könnte eher sagen, ich ging den Weihnachtsmann besuchen. Denn es sass tatsächlich ein etwas in die Jahre geratener, leicht pummeliger Mann mit weissen Haaren am Tisch, an dem ich die Mailänderli ausstach und die Zimtsterne glasierte. Es weihnachtelte gar sehr; vor allem als Frank Sinatra zu trällern begann. Da ich Weihnachten dieses Jahr jedoch aus der Agenda gestrichen habe, schnitt ich Sinatra sein Halleluja bald mal ab und legte meine ach so geliebten Beatles ein. Es gibt nichts Besseres als Beatles im verschneiten Winter. Ausser Beatles im Herbst, wenn die Blätter abfallen und es unaufhörlich regnet. Und natürlich Beatles im Frühling, wenn die Hormone auf Hochtouren laufen, alles blüht und gedeiht. Und Beatles im heissen, klebrigen, wunderbaren Sommer sind sowieso unschlagbar.
Warum ich dieses Jahr einen auf Grinch mache? Weiss ich auch nicht so genau. Ich liebe alles an Weihnachten: die Lichter, das Essen, die Gerüche, Geschenke, Musik, Familie. Aber dieses Jahr habe ich so viel erlebt und doch ist die Zeit an mir vorbeigerast. Eben war noch Sommer, ich hing die Tage am Letten rum, arbeitete an den Abenden und verbrachte die Nächte draussen – feiernd, mich rumtreibend, wer weiss schon noch, was genau wir diesen Sommer getan haben. Und nun soll schon Weihnachten sein? Nein! Ich will das Leben wahrnehmen, wie ich es als Kind getan habe: langsam. Jeder Tag kam mir damals unendlich vor und jetzt sind die Tage schon fast vorbei, wenn ich mal aus dem Bett steige.
Darum fällt dieses Jahr Weihnachten aus. Damit ich genug Vorfreude für nächstes Jahr sammeln und dann das ganze Programm durchziehen kann: Kerzenziehen, Wohnung dekorieren, Weihnachtsmärkte, die Küche für einen Monat in eine Backstube umwandeln, Adventskalender kaufen und mir ein paar Kinder ausborgen, um mit ihnen den Samichlaus aufzusuchen.
Denn was soll ich dieses Jahr auch gross feiern, wenn ich sowieso unter Palmen schwitzen und statt Glühwein Cocktails schlürfen werde (who am I kidding, Vodka natürlich). Singapur und Weihnachten passt einfach nicht und das muss es auch nicht. Denn wenn ich die Wahl hätte, unter dem Tannenbaum „Oh du Fröhliche“ anzustimmen, oder an einer Strandparty die Nacht durch zu tanzen; mich zum fünften Mal hintereinander zu überessen, oder ein fremdes Land zu entdecken, muss ich nicht lange überlegen. Natürlich freue ich mich auf Weihnachten. Nächstes Jahr dann.
Es ist nicht immer einfach, mit der Krankheit eines geliebten Menschen umzugehen. Besonders wenn diese Krankheit Alzheimer heisst und die Person meine Grossmutter ist. Oder meine Grossmutter war. Denn die gleiche wie vor ein paar Jahren ist sie definitiv nicht mehr. Es geht nicht einmal darum, dass sie dieselbe Geschichte fünfmal erzählt, immer wieder die gleichen Fragen stellt, oder hundert Mal von der Küche ins Bad tigert, ohne zu wissen, was sie dort eigentlich sucht. Es geht darum, dass ihr die Krankheit Angst macht, sie überfordert. Dass sie sich wehrlos und bevormundet vorkommt. Und deshalb manchmal wütend wird, gar traurig, wie ein kleines Kind.
Trotzdem unternehme ich nach wie vor gerne etwas mit ihr. Heute verbrachten wir den Morgen damit, Datteln mit Marzipan und Baumnüssen zu füllen und in kleine Säckchen abzufüllen, die sie dann an Freunde und Bekannte verschenken kann. Obwohl sie ihr Leben lang Hausfrau war, ist selber Kochen heutzutage nicht mehr. Darum übernahm ich den Herd, als es Zeit fürs Mittagessen war. Nun ist es so, dass sie zwar nicht mehr weiss, wie die einfachsten Gerichte zuzubereiten sind, sich aber einbildet, ein Fünfgangmenu zustande zu bringen. Als ich kurz die Küche verliess, nahm sie die Sache kurzerhand selber in die Hand und stellte einfach mal alle Herdplatten auf volle Power.
Das Resultat davon war eine überkochende Suppe, verbrannte Kalbsschnitzel und schwarz schimmernde Kartoffeln. Gegessen wurde es trotzdem. Am Nachmittag hatten wir eigentlich einen Spaziergang durch den Schnee geplant, aber da mir am Tisch bereits die Augen zugefallen waren, beschloss ich mich für eine Nanosekunde aufs Sofa zu legen. Ich schlief bis in den Abend hinein. Wohl weil ich am Abend zuvor erst um drei Uhr morgens Ruhe gefunden hatte. Elender verkorkster Wochenendrhythmus. Aber lieber ein verkorkster Rhythmus als ein verkokster Rhythmus.
Und ob’s wirklich meine kaputte innere Uhr war, oder ob ich nur wieder ein paar Viren eingefangen habe, sei dahingestellt. Möglich wär’s, schliesslich finden Viren es generell toll, wenn ich bei Minustemperaturen mit nackten Beinen aus dem Haus gehe. Selber Schuld? Ja. Was gelernt? Wohl kaum. Als ich jedenfalls im abgedunkelten Wohnzimmer aufwachte, hatte meine Oma bereits eine Wolldecke über mich gelegt und einen Tee auf das Tischchen vor mir gestellt. Sobald sie hörte, dass ich wach war, kam sie ins Zimmer, setzte sich neben mich und strich mir über die Haare. Ich legte mich auf ihren Schoss und schloss die Augen. Wie früher. Alzheimer ist eine teuflische Krankheit. Ich würde sogar behaupten schlimmer als alle physischen Leiden. Aber auch wenn meine Grossmutter nicht mehr die energievolle Kämpferin ist, die sie mal war. Eines kann ihr nicht mal Alzheimer nehmen: Nämlich, dass sie immer noch der allerbeste Mensch ist, den ich kenne.
Wenn ich mich bei der Arbeit auf mein Diktiergerät verlassen muss, weil mein Kopf wegen Schlafmangels temporär nicht aufnahmefähig ist und Notizen aufschreiben unmöglich erscheint, dann ist es nur naheliegend, am Abend zuhause zu bleiben und auszuspannen. Ich ging natürlich trotzdem raus. Schliesslich ist nur einmal in der Woche Freitag. Dafür nahm ich mir vor, mich beim Vodka-Konsum zurückzuhalten, damit der Samstag nicht gleich in der Tonne landete. Wider Erwarten hielt ich meinen Vorsatz brav ein – und trank stattdessen Whisky.
Der Schotte hatte es in sich, denn schon nach kurzer Zeit befand ich mich in Aufbruchsstimmung, wollte nicht länger im lahmgelegten Orientexpress verweilen, in dem sich die Vorform der Hipster zu Cranberrytee und gepanschtem Spülmittel trafen. Auf halbem Weg in den Untergrund entschlossen wir, in dieser Nacht doch lieber im Himmel zu landen und rannten einen Block zurück zum Dönerstand unseres Vertrauens. Leider hatten wir unsere Membercard nicht dabei und so wurde es nichts aus dem intimen Kränzchen unter Fremden.
Unter Waldschraten und Kurzhaarlesben fühlten wir uns mindestens genauso wohl und mit ein paar Tabasco beziehungsweise Vodka Shots (I know, shame on me!) konnte nicht mal Elvis uns mit seiner Haartolle und dem ungelenken Hüftschwung vergraulen. Denn wo sich die Jungfrau Maria den Plattenspieler unter den Nagel gerissen hat, steigen die besten Feste.
Normalerweise sind wir es, die dem Alkohol nachrennen, den Arm abschlecken, wenn etwas vom Fussel auf den eigenen Körper geschüttet wird, damit auch ja kein Tröpfchen vergeudet wird. Doch diesmal rannte der Alkohol uns nach. Gin Tonic und Vodka Lemon wurde uns unaufgefordert in die Hand gedrückt. Obwohl eindeutig zu viel Tonic und Lemon mitschwangen, tranken wir brav. Man hat ja schliesslich Manieren. Aber als immer mehr Getränke den Weg in unsere Hand fanden und der Platz zum Abstellen der vollen Gläser knapp wurde, verschenkten wir die edlen Tropfen eins ums andere.
Nachdem dank uns alle versorgt waren, schien unsere Mission beendet, die Jungfrau zufrieden und der Geist reif für die gesegnete Ruhe. Nicht aber mein Geist. Wir sprangen dem erstbesten entgegenkommenden Taxi vor die Motorhaube, nötigten den Fahrer uns mitzunehmen, motzten während der gesamten Fahrt über seine Route, merkten, dass wir im Unrecht waren, wollten den Schaden mit viel Trinkgeld wieder gut machen und gaben dem armen Mann am Ende doch zu wenig.
Dann trennten sich unsere Wege. Meiner ging mit neuen Leuten und mehr Alkohol weiter, doch am Ende hatten wir beide versagt und dennoch gekriegt, was wir wollten. Es ist einfacher, wenn man sich gar nichts vornimmt, sondern im Schnelldurchlauf durch die Nacht rast, das Licht aufsaugt, bis sich alles dreht, sich auf den Boden fallen lässt und die Konsequenzen erträgt. Denn auch wenn sie im ersten Moment grausam erscheinen, sie sind immer gut. Es ist alles immer gut. Irgendwie.
Wenn man bereits um neun zu Vodka und Whisky eingeladen ist, weiss man, dass es einer dieser Abende werden wird. Ich freute mich trotz chronischer Müdigkeit; schliesslich ging es mal wieder ab in den Osten und das mit der besten Truppe überhaupt. Während die anderen sich an Wein hielten, blieb ich meinen Prinzipien treu und stürzte mich auf den Vodka. Anscheinend stammte das Gesöff aus Mongolien, Kasachstan, Japan oder einem anderen exotischen Fleckchen dieser Erde. Von mir aus hätte es auch aus dem Thurgau sein können, es schmeckte mir nicht. Wunderbar mild, fanden die anderen. Viel zu mild, fand ich, wechselte auf Whisky und versprach, bald mal meine Geschmacksnerven untersuchen zu lassen.
Nachdem wir ausversehen Pfarrer Sieber beim Nagelknipsen auf der Toilette gestört hatten, schien es an der Zeit, ein Nickerchen zu machen. Doch der Schlaf war mir vergönnt, denn kaum hatte ich die Augen geschlossen, stürmten alle los. Kurze Zeit später befanden wir uns am selben Ort wie so viele Male zuvor, schwelgten in Erinnerungen und kamen zum Schluss, dass wir keine hatten. Keine gemeinsamen zumindest. Blame it on the alcohol.
Half nur noch, darauf anzustossen. Von mehreren Seiten wurden mir die Gläser gereicht, was ich ziemlich nett fand, aber auch etwas beunruhigend. Denn da die Worte „massvoll“ und „Vernunft“ am Wochenende aus meinem Vokabular entfallen, bin ich auf umsichtige Seelen angewiesen, die meinen Konsum zumindest nicht noch unterstützen. Andererseits bin ich an solchen Nächten nie die betrunkenste Person; es war also auch ein Stück weit vorausschauend von mir, den anderen den Alkohol wegzutrinken.
In einer unachtsamen Sekunde schaffte ich es, sämtliche fünfzehn Personen, mit denen ich gekommen war, zu verlieren. Dafür lernte ich fünf neue kennen, die jedoch ein denkbar schlechter Tausch waren. Betrunkene Pfadfinder sind zwar amüsant, aber nicht unbedingt die beste Gesellschaft. Darum tanzte ich lieber, vergewisserte mich, dass sich noch alle an meinen Namen erinnerten, wenn auch ich keinen einzigen der ihrigen mehr wusste, wechselte etwa fünf Mal die Schuhe und fand am Ende einen nach dem anderen wieder.
Um zwei beschloss ich, nach Hause zu gehen. Mein Körper gehorchte jedoch nicht, sondern bewegte sich immer weiter zur Musik, die eigentlich gar nicht als solche bezeichnet werden dürfte und genau deshalb so grossartig war. Ich schloss die Augen. Als ich sie wieder öffnete, war mein Shirt voller schwarzer Flecken. Keine Ahnung, wie ich es immer schaffe, dass nach dem Ausgang ein Element oder Körperteil von mir schwarz besprenkelt ist, geschweige denn, was das überhaupt für ein Zeugs ist. Jedenfalls liess es sich diesmal leichter rauskriegen als das letzte Mal.
Um drei fasste ich denselben Vorsatz wie eine Stunde davor, ohne genau zu wissen, warum. Denn spätestens um vier hatte ich keine Lust mehr, je wieder zu gehen. Das änderte sich um fünf und um sechs schnappte ich tatsächlich mein Zeugs und verliess den bereits ausgestorbenen Ort. „Bis wir rausgeschmissen werden“ hatte diesmal nicht ganz funktioniert, aber es war auch mal schön, etwas freiwillig zu tun. Bis ich im Bett war, zeigte die Uhr bereits sieben an und ich war angenehm überrascht, als ich erst um elf wieder aufwachte. Immerhin vier nicht zu verachtende Stunden Schlaf. Fehlen also nur etwa zehn. Dementsprechend leichenhaft bewegte ich mich zwischen Schlafzimmer und Küche hin und her, nervte das ganze Haus mit meiner Lärm-Schock-Therapie und tat so ziemlich alles, ausser das, was auf meiner Liste gestanden hätte. Es ist doch jedes Mal die gleiche Scheisse. Und trotzdem lohnt es sich. Jedes Mal.
Freitagabend, ich, alleine, Richtung Süden, mehr Schnaps als Kleidung im Gepäck. Der Zug fuhr nicht wie er sollte, aber er fuhr. Ankunft in Milano, keine Ahnung wohin, darum Taxi. Der Chauffeur kutschierte mich durch die halbe Stadt und etwa fünf Mal im Kreis herum, ich brauchte Schnaps zur Beruhigung meiner Nerven und damit ich ihm nicht mein sämtliches Repertoire an italienischen Fluchworten an den Kopf warf. Irgendwann kamen wir an, ich wurde sogleich aufgeschnappt und auf eine Dachterrasse verfrachtet, wo wir die Flaschen köpften und, als alle tot waren, im fremden Kühlschrank nach mehr suchten.
Der gesunde Menschenverstand würde einem davon abraten, eine herumliegende, angebrochene Flasche Absolut zu leeren, aber der gesunde Menschenverstand hatte sich leider strikt geweigert überhaupt mit mir ins Taxi zu steigen. Es war dann auch kein Vodka in der Flasche, sondern irgendwas zwischen reinem Alkohol und Putzmittel. Grausig, aber wirkungsvoll. Gegen Mitternacht Aufbruch. Jemand hatte bei mir die Fastforward-Taste gedrückt, jedenfalls kam mir das Leben wie im Schnelllauf vor. Ich erinnere mich an Ruinen und betrunkene Milanesen, auf dem Boden hockend, frierend, lachend. Eine Bar, so voll, dass die Leute bis auf die Strasse verteilt standen. Lebensgefährliche Trams, die nicht bremsten, wenn ich ihnen auf ihrer Spur entgegenkam. Verschiedene Strassen, Plätze, Gassen. Wir rannten und rannten und rannten, verloren die Hälfte der Truppe, fanden uns wieder, feierten unsere Wiedervereinigung mit Champagner.
Dann machten wir weiter, wo wir gar nie aufgehört hatten, und zwar bei Punks Wear Prada. Der gratis Welcome Drink war keine so gute Idee, aber dass es mir am nächsten Tag dreckig gehen würde, war nach dem Putzmittelgesöff eh klar, darum kam es auf einen mehr auch nicht mehr an. Oder zwei. Oder drei. Irgendwann war es leichter, einfach mit Zählen aufzuhören. Ob die Musik gut war? Keine Ahnung. Leute? Mittelmass. Aber meine Leute waren wie immer die besten ergo everything was fucking great!
„Wir gehen nicht, bevor sie uns rausschmeissen!“ Diesem Motto blieben wir einmal mehr treu. Als es Zeit war zu gehen, suchten wir nach einer Alternative, denn um Heimzugehen hatten wir alle noch viel zu viel Alkohol im Blut, das wir erst durch Tanzen oder sonst was abbauen mussten. Unsere einzige Option: Afterparty mit einem portugiesischen Model (wer kann sich schon Namen merken?). Aber Models sind langweilig. Besonders männliche (meine männlichen Modelfreunde mögen das jetzt entweder überlesen oder mir verzeihen). Darum: No grazie, ade, merci!
War vielleicht besser so. Denn der nächste Tag war nämlich auch so unerträglich genug: Während dem Shoppen ausnüchtern, gefühlte fünf Stunden im McDonalds anstehen, damit das Fett den Alkohol wegschwemmt, in der Scala das Kotzen unterdrücken. Aber auch der schlimmste Kater geht irgendwann vorbei. Spätestens bei der Rückreise nach Zürich. Kaum angekommen und aus dem Tram gestiegen, flitzte mir eine Ratte über die Füsse. Für mich ein sicheres Zeichen: Tschüss Zürich, zurück nach Milano.
Würde ich Drogen nehmen, meine Trips wären genau wie ein Sébastien Tellier Konzert. Aus dem Rauch stieg er empor ins Licht, der Jesus mit der Sonnenbrille. Die Haare ungewaschen und zerzaust, den Bart viel zu lang, die Kleidung gewohnt lässig-elegant und ein klein wenig abgefuckt über den stetig wachsenden Ranzen drapiert stand er da, der Mann mit dem überdimensionalen Kopf, sprach Worte, sang, schwieg, warf die Arme in die Höhe, in den Himmel, ins Licht.
Lichter zuckten, blau, rot, weiss. LSD-Electro liess meine Gedanken kreisen, bis ihnen übel wurde und sie sich übergeben mussten. Ab da war ich frei. Die Augen geschlossen, mich zur Musik bewegend, vergass ich Zeit und Ort und wünschte mir auf einer Wolke zu schweben oder auf Zuckerwatte zu liegen, damit mein Körper dieselbe Erfahrungen wie mein Geist machen konnte.
Orgelmusik ertönte, der Teufel stand in der Kirche und zeigte stolz auf seinen Heiligenschein. Vergeben ist den Seelenlosen, denn sie können an nichts mehr zerbrechen. „Allez!“, „Putain!“, und „Merde!“ brüllte die Meute. Ich wurde von einer tiefen Melancholie ergriffen. Warum hatte ich nicht mein eigenes La Boum erleben können. Mein eigener Sebastien Tellier werden können. Alles nur wegen ein paar hundert Kilometern. Vic und Mathieu. Der Tod: Ein weisses Pulver, eine tropfende Flüssigkeit, l’alccol.
Während ich von einer anderen Vergangenheit mit der gleichen Zukunft träumte, rauchte Jesus auf der Bühne und trank Vodka aus Petflaschen und Weingläsern. Einer wie ich: stillos und ein wenig unverschämt. Aber wir dürfen das, er und ich. Nach einer halben Stunde hatte er bereits drei Gläser geleert und ich mich wiederholt für meine temporäre Abstinenz verflucht. Jedoch war Alkohol gar nicht nötig. Das ist er nämlich nie bei guter Musik. Nur bei schlechter Musik und schlechter Gesellschaft. Alles andere ist fakultativ.
Mitten in meinem imaginären Rausch stand Jesus dann plötzlich neben mir, sang über Fische und das Meer, schloss dabei die Augen und verteilte weisse Rosen. „Nie ist der Vodka da, wenn man ihn braucht“, stöhnte er wenig später zurück am Klavier. Er sprach mir aus der Seele.
Nach jedermanns Liebling La Ritournelle verschwand der Künstler. Um eine Line zu ziehen, die Flasche zu leeren, oder sich ein bisschen Glück zu spritzen. Ich hörte in mitten meiner Bewegung auf, öffnete verstört die Augen und fühlte, wie mein Puls sich beschleunigte. „Sébastien, non!“ wollte ich schreien. Nein! What about l’amour? And more importantly, what about la violence? Ohne diese musikalische Offenbarung durfte der Abend nicht enden!
Tat er auch nicht, denn die Welt ist gerecht. Zu mir zumindest. Farben verschwammen, Stimmen verstummten, der Heiland sprach: „Dit moi qu’est que tu pensais? De ma vie du mon adolescence. Dit moi qu’est que tu pensais? J’aime aussi l’amour et la violence.“ Et moi, j’aime aussi l’amour et la violence. J’aime aussi l’amour. Et ne pas la violence.
Und plötzlich sass ich mit einer angebrochenen Flasche in der Hand und greller Musik in den Ohren auf dem Rücksitz eines Autos, das durch die pechschwarze Nacht raste. Alles ging viel zu schnell: das Wechseln der Songs, die Steigerung des Tempos, die Leerung der Flasche, die Ankunft. Abruptes Ende. Stille. Man muss nicht immer wissen, was man tut, oder warum. Hauptsache es macht Spass. Und das macht Feiern am Donnerstag immer. Besonders wenn man sich noch nicht richtig vom Mittwoch erholt hat. Nächstes Jahr höre ich auf damit. Denn die Welt geht ja eh dieses Jahr noch unter.
Gesichter, die wir kannten, strahlten uns entgegen, Rauch blies uns ins Gesicht, verfing sich in unseren Haaren, den Kleidern, es stank. Worte ohne jegliche Bedeutung hallten in meinem Kopf wieder. Wir tanzten zu lauter, schlechter Musik, gingen nach draussen, wieder rein, über Scherben und suchten. Suchten wen? Wir wussten es nicht, er war nicht da. Ich stieg aufs Sofa, fiel halbwegs runter, trank geklauten Whisky, verschwand und war nicht wieder gesehen. Bis ich eine halbe Stunde später am gleichen Ort auftauchte.
Was ich in der Zwischenzeit gemacht hatte? Ich erinnere mich nur in Fetzen. Gestritten hatte ich, regelrecht gebrüllt, dann wieder gelacht, mich gelangweilt, mit Brandy auf die Versöhnung angestossen. Und dann ging ich. Wir gingen alle. Nochmals Nacht, nochmals dunkel und laut und schnell.
Ich erwachte in meinem Bett. Viel zu früh und gleichzeitig viel, viel zu spät, unter einem Berg Kleider, das Handy neben mir auf dem Kopfkissen. Der Durst trieb mich in die Küche und damit ans Tageslicht, wo ich entsetzt auf meine Hände starrte. Schwarz waren sie. Zwar nur an den Nägeln, aber die Farbe hatte sich eingebrannt. Nicht einmal Nagellackentferner half, um sie wieder sauber zu kriegen. So sehr ich mich auch bemühte, mir fiel absolut nicht ein, wo zur Hölle ich meine Finger wieder reingesteckt hatte. Die Frage lautet aber sowieso: Wo habe ich sie nicht reingesteckt.
Etwa zweimal pro Jahr miste ich mein mobiles Adressbuch aus. Dabei wird gelöscht, mit wem ich keinen Kontakt mehr habe, oder dessen Nummer ich nicht mehr brauche. Heute war es wieder so weit. Ich scrollte durch die Namensliste. Und stutzte einige Male verdutzt. Bei manchen wusste ich nämlich nicht mehr, wer damit gemeint war. Bei „Typ von Bar“ zum Beispiel. Oder bei „Name nicht verstanden“. Also, löschen!
Ein wenig konkreter war „Kolleg von Monika“. Nur: welcher Kollege? Und viel wichtiger: Wer ist Monika? Ehrlich zum Lachen brachte mich „Marc, küsst schlecht!!!!“ Da ich aber von „Marc, küsst schlecht!!!!“ nie wieder etwas gehört habe, könnte es gut sein, dass auch ich nicht besonders beeindruckende Lippenfähigkeiten habe. Jedenfalls rührte mich die Umsicht meines betrunkenen Ichs meinem nüchternen Selbst gegenüber.
Wie dem auch sei, die Nummern landeten zusammen mit ein paar anderen im Papierkorb. Vielleicht sollte ich in Zukunft gleich am Morgen nach dem Ausgang mein Handy checken. Dann bleibt mir diese relativ peinliche Arbeit erspart. Oder weniger trinken. Das würde sowieso viele meiner Probleme lösen. So wäre mir heute auch nicht so elend zumute gewesen, ich hätte es vor dem Mittag aus dem Bett geschafft und hätte etwas Gescheites zustande bringen können, anstatt den Nachmittag mit dem Kauf von Unterwäsche zu vertrödeln, weil meine Übelkeit mich von allem anderen abhielt.
Auch am Abend ging es mir nicht viel besser, doch wenn MSGM und Laurèl ihre Kollektionen vorzeigen, spielt der körperliche Zustand keine Rolle. Ich sass brav in der zweiten Reihe, während Hungerhaken an mir vorbeistöckelten. Ich liebe Mode, also liebe ich auch Fashion Shows. Aber leider verhält es sich bei denen wie mit den Kleiderläden: Ich sollte ihnen fernbleiben. Denn jedes Mal wenn ein atemberaubendes Kleid an mir vorbeirauschte – und das geschah so alle fünf Sekunden – fing mein Puls an zu rasen, der Schweiss trat aus meinen Poren, die Hände wurden zitterig und mein Kopf hatte nur noch einen Gedanken: „Das will ich!“ Im Geiste rechnete ich aus, wie lange ich nur schon für eines dieser Teile sparen müsste. Sagen wir es so: Man könnte es mir dann im Sarg anziehen, denn bis ich es mir leisten könnte, bin ich schon längst tot.
Markus Schenkenberg, der gegenüber sass, war bei weitem nicht so beeindruckt von den Kreationen der Designer wie ich. Ebenso wenig Lauren Hutton. Dafür plauderte diese umso lieber, leider nur wirres Zeug. Aber das ist ganz normal, wenn man auf Drogen ist – nicht, dass ich ihr etwas unterstellen möchte! Immerhin etwas Vernünftiges brachte sie heraus und zwar in Bezug auf ihr Beautygeheimnis: „Good men!“ Sehr weise, Ms. Hutton! Und macht erst noch mehr Spass als die Botox-Spritze!
Wer braucht schon das Wochenende, wenn man auch an einem gewöhnlichen Dienstag einen draufmachen kann! Zurzeit nutze ich nämlich jede Gelegenheit, meinen herauskommenden Roman zu feiern. Es ist aber auch gerechtfertigt, jeweils bis mittags zu schlafen, wenn man Abendeinsätze an den Fashion Days macht. Oder wäre, besser gesagt, denn die Realität sieht leider anders aus. Um sieben aufstehen, um zwei ins Bett. Aber mit viel Alkohol lässt sich alles bewältigen. Ausserdem scheint meine Toleranz unter der Woche deutlich niedriger zu sein als am Wochenende. Vier Drinks, pur auf Eis, reichten diesmal, um die kleine Alice ins Wunderland zu befördern. Dazu Life-Musik, Johnny Cash und eine unglaubliche Stimme, es hätte besser nicht sein können.
Wie jeder neige ich dazu, meine Kapazitäten in angetrunkenem Zustand zu überschätzen. Karaoke diese Woche? Ich bin zwar jeden Abend verplant, aber kein Problem! Wozu ist schliesslich der Sonntag da! Nun sieht mein Tag der Ruhe folgendermassen aus: Zuerst Karaoke und wenn jedermanns Ohren bluten, ab in den Stripclub. Warum? Warum nicht! Wollte ich immer mal, aber jedes Mal, wenn ich dabei war, Fuss in einen Füdlischuppen zu setzen, hiess es: „Sorry, geschlossen.“ Darum will ich das nächste Mal vor fünf Uhr morgens dort aufkreuzen.
Als der Besuch des Nackedeilokals beschlossene Sache war, machte ich mich schweren Herzens auf. Die Vernunft hatte wieder einmal über meinen inneren Alkoholiker gesiegt. Schliesslich hatte ich keine Kohle für ein Taxi übrig, es musste also das letzte Tram sein. Nur: Ich war nicht bereit zu gehen. Um zu schlafen schon gar nicht. So war wieder einmal mein Bruder das bedauernswerte Opfer, das meinen Party-Anfall miterleben musste. Die Bingo Players auf volle Lautstärke, einen weiteren Vodka on the Rocks, und zum Mittwoch blieb nur noch zu sagen: Rest in Peace my dear friend. Aber was soll’s! Mit dreissig kann ich mich immer noch ärgern, wie ich mir in meinen Zwanzigern die Zukunft durch zu exzessives Feiern verbaut habe. Oder wie ich einen unglaublichen Spass gehabt habe, den ich so nie mehr aufholen werden kann. Ach, dieser Text macht gar keinen Sinn? Ich im Moment auch nicht. Mein Verstand wird gerade von einem hochprozentigen See weggetragen, sanft auf den Wellen wiegend, hin und her schwappend; leicht, so leicht, dass blosse Poesie wie Pornografie wirkt.